Farbenhändler
„Herrgott noch mal, Winter, jedes Jahr machen Sie uns die gleichen Schwierigkeiten. Packen Sie Ihre Sachen und hauen Sie ab. Ich habe diese Vorschriften und Dienstpläne ja nicht gemacht.“
Winter seit Eiszeiten Vertreter für Weißwäsche aller Art. Er konnte sich einfach nicht damit abfinden, zu gegebener Zeit seine Landkundschaft an den Farbenhändler zu übergeben. Oft musste sogar Gewalt angewandt werden. Dann schickten seine Vorgesetzten den Sonnenexekutor los. Der machte Winter, ohne langes Zögern, grüne Flecken in seine weißen Leintücher - ohnehin schon letzte Qualität. Das begriff er! Bestieg den nächsten Windzug nach dem Norden und schwor Rache. Wie jedes Jahr.
Wenn Winter endlich hinter der Horizontbahnschranke verschwunden war, begann man, alles für den Empfang des Farbenhändlers vorzubereiten.
Sonne kehrte Wolken am Himmelsteppich, Mond wischte über den Sternenvorhang, und die Landkundschaft holte ihr Knospenguthaben aus den Erdstrümpfen.
Am Theater der Verwandlungen hatten Raupen und Puppen Kostümprobe, Wind erwartete täglich eine Paketsendung von den Verwandten am Golfstrom. Und Bär drehte sich noch zu seinen Träumen, die allesamt mit Honig anfingen.
Der Windzug aus dem Süden, den der Farbenhändler benützte, schien sich dieses Jahr zu verspäten. Aber niemand war deswegen etwa beunruhigt. Das kannte man, so ’ne kleine Verzögerung kam ja öfters
vor.
Also warten.
Die Aufregung wuchs und man hoffte auf ein erstes Zeichen der Sonne: Wenn der Farbenhändler nahte, begann sie abends ein bisschen später zu gähnen, mit lauem Atem, und morgens tat sie statt Frost Tau in ihr Landputzglas.
Ein ziemlich sicheres Signal für seine baldige Ankunft war auch die Wiederaufnahme des Trainings der Baummannschaft. Es war ein uraltes Spiel, unserem Fußball ähnlich. Nur, dass man es mit Gefühlsbällen spielte und ohne festes Ziel. Der Farbenhändler sponserte sie für gewöhnlich, und ihm zuliebe schlugen die Baumstars aus. - Sehr zum Leidwesen der Boskabauter, deren Siedlungen daraufhin meist zusammenbrachen!
Aber es war nun einmal Brauch, ist und wird es immer sein.
Die allergrößten Vorbereitungen für das Wiedersehen fanden aber bei der Liebe statt.
Wie eine riesige Schaukel wird sie vom Farbenhändler bei seiner Ankunft in Bewegung gesetzt. Der Schwung reicht meist bis zur Abreise Winters. Nur in den seltensten Fällen kommt sie zum Stehen, bevor der Farbenhändler seine Ware wieder anbietet. Und wenn, dann nur, weil die Liebe selbst es eben so will.
Also der Farbenhändler. Mit einer geheimnisvollen, undurchschaubaren Kraft bringt er die Liebe immer wieder in derart schwindelnde Höhen, dass... (Entschuldigung, dass ich unterbreche: Ist der Windzug schon eingetroffen? Ein Frostbote hat soeben die Verspätung durchgegeben? Aha. Danke.)... nun, dass alle, die sich eine Schaukelkarte gekauft haben, meinen, sie würden sich mitsamt der Liebe überschlagen.
Aber im höchsten Punkt angelangt, nach einem kurzen Stillstand, rast die Schaukel hinunter, man meint, ungeheure Tiefen zu erforschen, um Augenblicke später wieder einen neuen Höhenrausch zu erleben - schön ist's auf dem Jahrmarkt der Gefühle. So ein Jahrmarkt will natürlich gepflegt werden, Und das geschieht, wenn der Farbenhändler seine Buden aufschlägt.
(Ist er noch nicht da?!?!) Blicke müssen sorgfältig gereinigt und überprüft werden, Spezialisten sind ausschließlich damit beschäftigt, neue Worte zu entwerfen, Spannungen müssen neu verlegt und Gerüche auf ihre zukünftigen Aufgaben vorbereitet werden.
Die Zartheit wird poliert, und nicht zuletzt muss jemand den Amor wecken, und das allein ist schon eine Aufgabe für sich.
Kurzum, die Liebe hatte noch alle Gefühle voll zu tun. So war es ihr noch gar nicht aufgefallen, welche Unruhe sich überall verbreitet hatte.
(Hat schon wer was gehört?!?!?!)
Die Sonne stand ratlos an der Tagesbar, wusste nicht recht, ob sie noch ein Wölkchen heben sollte. Sie ließ es bleiben, bereute es bald; das nervöse Klopfen der Regenfinger auf die Landplatte ging ihr ziemlich
an die Solarzellen.
Inzwischen lieferten ein paar verschlafene Vorortwinde Samenbüchsen und Polenkonserven, war aber noch keine Knospe da, sie entgegenzunehmen.
Plötzlich bog aus dem südlichen Talkessel ein Eilbote, Orkan, um die Ecke. Die Baummannschaft winkte aufgeregt mit schwangeren Ästen, Gräser verneigten sich
dienstergeben, und eine lampenfiebrige Raupe kostümierte sich schon.
Orkan bäumte sich auf und stand windhosig in der Gegend. - Gespenstische Ruhe. - Jetzt würde man endlich erfahren, was mit dem Farbenhändler los war.
Die Sonne ahnte es als erstes: als eine schwarze Wolkenpatrouille sie in Schutzhaft nahm.
Gleich darauf wurde die Mondfahne eingeholt. Nach und nach begann die Landkundschaft das Spiel zu durchschauen. Sie verkrochen sich schweigend, wischten verlegen die Knospen von ihren Kostümen, schmiegten sich frierend aneinander.
Der Platz, über dem Orkan mit beängstigender Geräuschlosigkeit schwirrte, leerte sich. Einzig... die Liebe stand noch da.
Sie hatte noch nicht verstanden. Gar nichts verstanden. Voll Unschuld und Zärtlichkeit, voll Wärme sah sie Orkan an und wartete, dass er sagen würde: „Ja, der Farbenhändler ist unterwegs, er hat sich ein bisschen verspätet, aber in ein oder zwei Tagen...“
Orkan schwieg, aber es brach ihm fast das Herz, wie die Liebe ihn ansah, und er weinte Eistränen, als er flüsterte: „Dieses Jahr... wird kein Windzug aus dem Süden kommen... und... kein Farbenhändler.“
Die anderen hatten sich still zurückgezogen, sie wussten, dass es keinen Sinn gehabt hätte, gegen die Verordnungen des Jahres zu protestieren.
Nur die Liebe hatte nicht aufgegeben. Es war ihr klar, dass ihre Schaukel stillstehen,
bald alles stillstehen würde. Und sie schickte Orkan einen Blick, ihren Blick.
Im selben Moment brach er krachend los, ergriff mit Marktschreierhänden die Schaukel
und schleuderte die Liebe, so hoch wie nie zuvor, in das Jahr, in dem es keinen Frühling gab.
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